Seit 1996 lebe ich vegetarisch, inzwischen fast vegan. Dahinter steht keine Vorliebe für ein Etikett, sondern eine einfache moralische Irritation: Wenn vermeidbares Tierleid real ist, genügt Gewohnheit als Rechtfertigung nicht. Gleichzeitig weiss ich, dass kein einzelner Mensch das gesamte Problem lösen kann.

Konsequenz ohne Reinheitsfantasie

Ein moralischer Standpunkt verliert nicht seinen Wert, nur weil er nicht vollkommen umgesetzt werden kann. Die ernsthafte Frage lautet, welche vermeidbaren Schäden ich in meinem tatsächlichen Wirkungsbereich reduzieren kann. Perfektionismus wäre hier ebenso fehlgeleitet wie die Ausrede, unvollständige Wirkung sei gar keine Wirkung.

Begrenzte Verantwortung

Ich akzeptiere, dass mein Einfluss begrenzt ist, ohne daraus Gleichgültigkeit abzuleiten. Das ist weder Resignation noch die Vorstellung, für das Weltgeschehen persönlich verantwortlich zu sein. Verantwortung wird konkret: Was unterstütze ich durch Konsum, welche Ausnahme kann ich begründen und wo dient eine Begründung nur meiner Bequemlichkeit?

Moral gegen soziale Erwartung

Schwieriger wird es, wenn der eigene Kompass mit Traditionen oder den Erwartungen nahestehender Menschen kollidiert. Dann reicht weder blinder Gehorsam gegenüber dem Umfeld noch selbstgerechte Reinheit. Die Entscheidung muss Schäden, Loyalität, Wahrhaftigkeit und die realen Handlungsmöglichkeiten gegeneinander abwägen.

FRAGE ZUM THEMA«Was schulde ich anderen Lebewesen tatsächlich – und welchen Teil dieser Pflicht rede ich mir nur grösser oder kleiner?»